(Frankfurt 09.10 – 13.10.2002)
Die Buchmesse 2002 beginnt für mich am Mittwoch Abend, mit der Einladung zur Suhrkamp Taschenbuchparty. Erwartungsvoll gehe ich zum Rossmarkt, wo man aus einer dunklen stinkigen Fußgängerunterführung eine Disco gemacht hat, die nicht weniger dunkel und stinkig ist. Ich werde nett begrüßt, mit Getränkegutscheinen ausgestattet und taste mich vor, schnappe mir ein Glas Rotwein und sehe mich suchend um. Nein, ich finde keine bekannten Gesichter, finde höchstens, dass ich eigenartig angestarrt werde – bis mir auffällt, dass ich ein ausgesprochener Grufti inmitten all dieser Primanergesichter bin. Ich frage mich insgeheim, was diese Kinder hierher bringt: sie können unmöglich alle Jungschriftsteller sein, ebenso wenig Azubis, so viele kann sich der Verlag gar nicht leisten. Langsam füllt sich das Gewölbe, drei Jungschriftsteller, alle Jahrgang 1971, alle Männer, zwei von ihnen Schweizer tragen mehr oder weniger gekonnt ihre Ergüsse vor, wobei der letzte Schweizer eine Verbalgymnastik im Raptempo hinlegt, die allen den Atem verschlägt.
Günter Berg, der Verlagsleiter ist umringt von Leuten, ein Gespräch mit ihm, schon wegen des ohrenbetäubenden Lärms ohnehin undenkbar. Ich zögere: Soll ich mich sinnlos besaufen, was angesichts der mir noch verbliebenen drei Getränkegutscheine und den nicht kredenzten Häppchen ein leichtes wäre – wenn man sich nur einen Weg an die hoffnungslos überfüllte Bar bahnen könnte. Oder trolle ich mich „nach Hause“, wo mich bei lieben Freunden meiner Eltern ein gemütliches Bett erwartet? Ich entscheide mich für Letzteres.
Donnerstag
Gut besucht ist die Buchmesse, von zwar immer noch aber deutlich weniger PIB`s (= people in black) Mehr als im Vorjahr sieht man Farbtupfer aller Couleur. Zielstrebig stürmen die bookpeople zu ihren jeweiligen Verlagen, Agenten, Veranstaltungen, nur wenige schlendern – so wie ich – staunend, genießend, beobachtend durch die endlosen Gänge der weiträumigen, wie immer überheizten Ausstellungshallen. Man weiß kaum, was interessanter ist, die Beobachtung der Leute oder die Begutachtung der vielen Bücher, die zum Stöbern locken. Die Atmosphäre ist locker, wenngleich bierernst, trocken, humorlos. Verschiedenen Gesprächsfetzen ist zu entnehmen, dass viele Menschen sich wundern, wie voll es ist, obwohl die Zeitungen von 70 000 weniger Neuerscheinungen sprachen und entsprechend mit geringerem Besucherandrang gerechnet wurde. Weit gefehlt!
Es ist leicht, mit Leuten ins Gespräch zu kommen – genau so leicht, stundenlang stumm herum zuwandern – ganz wie man will. Das Typenstudium fasziniert, Tom Wolfe taucht in seinem unverkennbaren vanillefarbenen Flanellanzug mit passendem Stetsonhut auf; jeder der vielen 190 cm großen Grafiker-Fotografen-Buchmacher-Typen mit gepflegter schulterlanger Mähne fällt auf.
Jana Hensel wird zu ihrem Erstlingswerk Zonenkinder von hr interviewt. Eine selbstbewusste, wohlformulierte DDR-Jungfrau, die mit 13 ihre Kindheit und (DDR)Heimat verlor: Am Tag des Mauerfalls. Ein bemühtes Ost-Pendant zur Generation Golf mit Vokabelliste (ossideutsch – wessideutsch)
Hera Lind – Leider ist diesmal mit ihr keine Lesung vorgesehen, was vor zwei Jahren ein wirklich bühnenreifer Genuss war (einschließlich ihrer a capella Intonation einer Carmen-Arie!)
Sie wird von ihren Agentinnen an einen Stand verfrachtet und soll Autogramme geben, wobei versäumt wird, ihr neues Buch wenigstens verkaufsgerecht auszulegen. Ich will zwar kein Autogramm, komme dafür aber in ein richtig nettes Gespräch mit ihr, in dem sie trotz maskenhaftem Lächeln und meterdicker Schminke erstaunlich ehrlich, natürlich, zugänglich ist.
Jonathan Frantzen – macht einen unamerikanisch verschlossenen, ziemlich schüchternen Eindruck. Signiert anfängermäßig langsam, individuell mit Skizzen fast statt Worten seinen überdiemaßen gelobten Roman Korrekturen. Bei der späteren Lektüre der Literaturbeilage der ZEIT erfahre ich, dass diese ihm wohlwollend als Schüchternheit ausgelegte Art Snobismus hoch drei ist: er ist sich zu gut, um in Oprah Winfreys TV-Show aufzutreten und verbittet sich den Oprah-Winfrey-recommended Sticker auf seinem Buch – eine „Auszeichnung“, die ca. 500 000 verkaufte Exemplare bedeutet und um die sich andere Schriftsteller reißen.
Freitag
Termin bei Gudrun Hebel. Nette Agentin. Mögliche Zusammenarbeit?
Es ist schon Luxus, mehr als zwei Tage auf der Buchmesse umher laufen zu dürfen, wenngleich auch anstrengend; und alles sieht man trotzdem nicht.
Ich gehe in Halle 8 wo englische und amerikanische Verlage ausstellen und glaube mich versehentlich auf dem Flughafen angekommen: Handtaschen und Tüten werden rigoros durchsucht, Leibesvisitation wäre der nächste Schritt gewesen.
Lesungen:
Sky du Mont, den eine Teenyfrau neben mir am liebsten vergewaltigen würde. Zwischen all ihren „Ooohs“ und „Aaahhs“, „ist der süüüß!“ Ausbrüchen schreit sie plötzlich überwältigt: „Ich will ein Kind von dir!“ was ihr jedoch keinen Kommentar, dafür jede Menge entrüsteter, meist weiblicher Blicke einbringt.
Phillip Meinhard – ein 31jähriger Nobody, der durch köstlichen Humor besticht.
Wolf Biermann – Legende, die seinem Agenten graue Haare verursacht, weil er unumwunden erklärt: „das Buch, das ich hier promoten soll, interessiert mich überhaupt nicht mehr. Hören Sie sich lieber mal meine neuen Texte an!“
Alice Schwarzer – dick, nett, wahr so wahr, was sie zu sagen hat. Sie liest aus ihrem neuen Buch „Alice und die Männerwelt“.
Sigrid Löffler – schlohweiß, daher kaum wieder zu erkennen, stellt Lili Jahns Töchter und Enkelsohn Martin Doerry vor, der diesen zu Herzen gehenden Briefwechsel „Mein verwundetes Herz“ heraus gegeben hat.
Roger Willemsen – unerwartet lang und dünn – hat einen neuen Verlag (Mare) mit begründet, gibt aber seine eigenen Bücher bei Eichborn heraus. Wegen des besseren Vertriebs???
Der Aufbauverlag überrascht mit dem wohl pompösesten und größten Stand der gesamten Messe. Statt dem kleinen popeligen engagierten DDR-Verlag entpuppt er sich als imponierende große Verlagsgruppe, die in den vergangenen 10 Jahren erheblich expandiert hat. Das Gespräch mit den Mitarbeitern ist aber noch menschlicher, herzlicher, weniger blasé, weniger abgehoben als mit entsprechenden Wessi-Kollegen…
Miriam Pressler – hager, unscheinbar, warme interessante Stimme, ist nach wie vor unglaublich produktiv.
Alles in den Schatten stellendes Ereignis: Dieter Bohlen!
Die Teenies erscheinen zu Tausenden und rennen ihn sowie den Heynestand fast übern Haufen. Er wird zur Pressekonferenz in ein Räumchen ausquartiert, das im Nu von sogenannten Presseleuten übervoll ist. Bei seinem Abgang brechen die Teenies in Entzückensschreie aus. Der schwer verlebte, kleine, unappetitlich aussehende Bohlen winkt mit nicht mehr vorhandenem Charme. Eine Schwedin fragt mich, welch bedeutender Schriftsteller das denn bloß war?! Ich kläre sie unverblümt auf.
Um 17 Uhr gerate ich in eine Tanzdemo auf dem neuen Mini Cooper (was der wohl auf der Buchmesse zu suchen hat??!) zu der Sushis gereicht werden. Die Schnorrerei ab 17 Uhr funktioniert spielend, vorher ist es schwierig, einem Stand nur mal ein Glas Wasser abzubetteln.
Abends verziehe ich mich zum Römer, wo Himmel und Menschen sind. Es ist herrlich, soviel Literaturenthusiasmus zu begegnen. Das Warten auf Doris Dörrie wird durch mühsam erträglichen Jazz mit Rezepttext namens BSE von Günter Grass „versüßt“.
Doris Dörrie – moderiert von Gisela Marx, prägnant, professionell, beeindruckend. Sie liest aus ihrem neuen Buch „das blaue Kleid“ und man wünschte, sie hörte nie auf.
Antonio Skármeta – moderiert von Holger Noltze. Der chilenische Botschafter hat ein anrührendes, liebenswertes Buch geschrieben.
„Warum hat Ihr Protagonistenpaar Sex im Schlafzimmer von Pablo Neruda?“
„Mein lieber Freund…“
„Exzellenz!“
„… ich bin doch nicht verantwortlich dafür, was meine Figuren so machen!“
Elke Schmitter – Moderation Gisela Marx
Nach „Frau Satorius“ hat sie nun „Leichte Verfehlungen“ geschrieben und schildert vier Frauen, die innere und äußere Inventur machen. Sehr einfühlsam beobachtet – lesenswert!
Samstag und Sonntag ist „für normal Sterbliche“ geöffnet, der Andrang entsprechend noch größer. Erfreulich viele Jugendliche, die nicht mit angeödeten Gesichtern durch die Gänge latschen.
Alles in allem ein bereicherndes Erlebnis das nur jedes Mal die Frage aufwirft: Wo soll man die Zeit her nehmen, um all die vielen Bücher zu lesen, die man so gerne lesen möchte?
Ein paar der neuen Bücher, auf die ich neugierig bin:
Das blaue Kleid Doris Dörrie
Leichte Verfehlungen Elke Schmitter
Rudernde Hunde Elke Heidenreich
Korrekturen Jonathan Frantzen

