(Frankfurt 08.10 – 13.10.2003)
Diesmal beginnt die Buchmesse für mich erst am Donnerstag, also ihrem zweiten Tag, da mein Flieger erst um 0.01 h in Frankfurt ankommt. Frankfurt begrüßt mich an diesem Donnerstag mit einem seiner liebenswertesten Herbsttage: goldfarben, sonnig, windstill, knallblauer Himmel, von vorher gesagten 2-12° und Regen keine Spur. Hoffentlich hält sich’s. Ich gelange dank vorab verschickter Pressekarte mühelos ins Pressezentrum wo ich mir praktische Presseunterlagen hole. Dann melde ich mich im Übersetzerzentrum und laufe von nun ab als halber VIP herum mit Presse- und Übersetzerausweis, was mächtig Eindruck schindet. Wenn ich dann noch mein Sprüchlein aufsage von wegen „ich bin Journalistin, die deutsche Literatur in Portugal promotet“ stehen mir plötzlich ungeahnte Türen offen. Bequemerweise stellt das Übersetzerzentrum Garderobe und Schließfach bis 18.30 h zur Verfügung.
Gehe ich nun zur Podiumsdiskussion mit Doris Schröder-Köpf oder zum Pressebrunch mit Jackie Collins? Hollywoodglamour zieht stärker. Jackie sitzt in einem Raum voller hochgradig intellektueller Journalisten und –innen, die sie kritisch und teilweise geringschätzig beäugen und wohl mehr der verlockenden Bruncheinladung im noblen Hotel Maritim als dem Ehrengast gefolgt sind – und erobert die ablehnenden Herzen im Sturm. Diese Hollywooddiva ist so spontan, natürlich, aufgeschlossen, geduldig und interessiert an ihren Mitmenschen, dass Vorurteile wie Kartenhäuser fallen.
Weiter zu Muhammed Ali, den ich vor lauter Menschenandrang leider nur erahnen aber nicht sehen kann. Ich wandle weiter im hektischen Messegeschehen, entdecke hier einen neuen vielversprechenden Winzverlag, dem ich mit aufmunternden Wünschen den Tag verschönere, besuche dort die Geschäftsführerin des Westkreuzverlags und freue mich, dass sie meinen Beitrag messegerecht in ihren Newsletter gestellt hat.
Theo Sommer und Haug v. Kühnheim, ehemalige „Jungs“ der Gräfin Dönhoff, inzwischen ergraut, erweißt, gereift, haben den Briefwechsel zwischen ihr und Buc, Gerd Bucerius, dem jahrelangen Eigentümer der ZEIT veröffentlicht und verhaspeln sich darüber. Ich rase zum blauen Sofa – und komme genau an als Ingrid Noll gerade fertig ist – zwei Stunden später signiert sie mir ein Exemplar ihrer Rabenbrüder aus dem sie soeben höchst amüsant vorgelesen hat. Sie beantwortet mir bereitwillig alle Fragen – eine herrliche grand old lady of crime.
Abends habe ich die Wahl zwischen Verleihung des hessischen Filmpreises oder Literatur im Römer – alljährliche legendäre Lesung verschiedener Schriftsteller. Da letztere mir im vergangenen Jahr so sehr gefallen hat, entscheide ich mich gegen den Frankfurter Oscar und für die Büchershow. Die Atmosphäre ist herrlich, bereits eine Stunde vor Einlass warten die unterschiedlichsten Bücherfans geduldig, gespannt, neugierig auf Einlass und man kommt schnell und locker ins Gespräch. Überhaupt ist die große zwischenmenschliche Kommunikationsfreudigkeit aus Anlass der Buchmesse faszinierend und ansteckend – man spricht Leute an, denen man sonst nichts zu sagen hätte.
Während alles in den viel zu kleinen, von TV-Scheinwerfern mollig aufgeheizten Lesesaal stürzt in der Hoffnung ein kleines Stück auf einer unbequemen Bank möglichst nicht hinter einer der vielen gotischen Säulen zu erwischen, setze ich mich in die Seitenkemenate vor einen Riesenbildschirm an einen gediegenen Tisch mit viel Luft um mich rum, hole mir ein Brötchen und ein Glas Wein, blödele mit einer temperamentvollen Französin und rauche passiv ihr Zigarillo…
Es geht los. Alexander Kluge – akustisch schwer zu hören, nicht der idealste Vorleser, schon gar nicht als Einleitung einer solchen Veranstaltung. Es kann (hoffentlich) nur noch besser werden?! Er redet von Gemüt, das womöglich in der Fußsohle liegt?! Die seltenen Pointen verschluckt ärgerlicherweise die schlechte Akustik. Der Mann überzeugt nicht. Wäre er eine Frau, hätte er nicht den diesjährigen Büchnerpreis bekommen.
Wolf Wondratschek – Mara – der Inbegriff des Cellos überhaupt. Besser artikuliert, daher zum Glück leichter verständlich. Er lebt in Wien, treibt sich nach eigener Aussage unter so vielen Musikern herum, dass die nötige Recherche ein Leichtes war. Das Mara – nicht die! Sinnliche Literatur in der er Menschen mit Tonarten vergleicht. Seine Frau ist ein eindeutiges A-Dur während seine Tochter in h-moll daherkommt – herrlich.
Antonio Lobo Antunes – bekannter portugiesischer Schriftsteller, der in der engeren Wahl für den diesjährigen Literatur-Nobelpreis stand. Neben ihm seine Leib- und Magenübersetzerin Maralde Meyer-Mindemann. Er nuschelt völlig unverständlich, leidet am Rampenlicht, leidet offensichtlich an seiner Schriftstellerei „Ich schreibe wie im Dunkeln, habe Zweifel an dem Vertrauen, das in mich gesetzt wird.“ Er kann nicht auftreten, wie hätte er je seine Dankesrede in Stockholm halten sollen? Warum sagt dem Mann niemand, dass er vielleicht nicht nur für seine Übersetzerin spricht, sondern für andere, die das eine oder andere seiner Worte verstehen könnten…
Richard W. Sonnenfeldt – Mehr als ein Leben – Sympathischer Deutsch-Amerikaner mit starker Persönlichkeit, 81, Jude, der Chefdolmetscher beim Nürnberger Prozess war und Hermann Göring absichtlich mit Herr Gering (!) ansprach, wobei er die zweite Silbe betonte. Nach kurzer heftiger Auseinandersetzung ließ sich Göring davon überzeugen, dass er nicht in der Lage ist, sich vor den amerikanischen Richtern ohne Dolmetscher selbst zu verteidigen und verlangt daraufhin, dass nur Sonnenfeldt ihn dolmetschen darf. Im Saal ertönen (rechtsradikale?) Störungsrufe, die Moderatorin Randi Crott souverän mit „Wir haben Sie eingeladen, Herr Sonnenfeldt, um IHNEN zuzuhören!“ zum Schweigen bringt.
Christof Hamann – Zweifelhaft, was an diesem farblosen uncharismatischen Halbjungschwaben vorlesens-, bzw. veröffentlichungswert ist.
Enttäuschung, zumindest bei mir und meiner französischen Nachbarin. Noch drei ausstehende Autoren – ein Mann sowie die einzigen beiden Frauen des Abends. Schlecht koordiniert das Ganze. Sollte bei diesem sowohl TV-mäßig als auch live so hoch geschätzten Spektakel um nicht auf Neudeutsch Event zu sagen ein solcher Mangel an telegenen und live-geeigneten vorlesenden Autoren bestehen? Ich glaub’s nicht.
Anna Mitgutsch – 7. Roman, das Familienfest – 400 Seiten die sie in rekordartigen 60 Tagen geschrieben hat. Österreicherin. „Der Tod ist eine Beleidigung unserer Existenz, eine Zumutung“. Für mich ist ihre Stimme eine Zumutung. Ich hab’s nun mal nicht so mit dem österreichischen Dialekt. Ich bin versucht, nach Hause zu fahren, doch Raoul Schrott soll – seinem Namen zum Trotz – gut sein, dann kommt Ulla Hahn, die ist eh interessant, also bleibe ich und gebe Herrn Schrott eine 10-minütige Chance. Da er mich nicht zu faszinieren vermag, suche ich das Weite. Ulla Hahn erlebe ich am nächsten Tag auf der Buchmesse – wo sie mich auch nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt.
Freitag: Pressekonferenz Susanne Juhnke mit Ghostwriterin Beate Wedekind im Schlepptau. Ihr Buch sei „keine Schlammschlacht in Prosaform“ . Als sie beginnt, wortwörtlich das Gleiche zu sagen wie vor ein paar Tagen in der Talkshow bei Kerner habe ich genug.
Der hr (hessische Rundfunk) sendet Hörspielpräsentation – u.a. Roger Willemsen: Karneval der Tiere, seine diesjährige Neuerscheinung. Naja, denkt die Banausin (=ich) alles schon mal da gewesen, wie unglücklich, dass er einen so bekannten Titel gewählt hat. Von wegen – er hat Saint-Saëns’ Karneval der Tiere neu erfunden, neu erdichtet und zwar in so fulminant lockeren, frechen, frivolen Versen, dass man das Buch unbedingt sofort erstehen will. So muss eine Buchpräsentation sein, er hätte gestern Abend im Römer Furore gemacht. Ich beglückwünsche ihn und erfahre im Gespräch, dass er nicht Mitinhaber des im letzten Jahr gegründeten Mare-Verlags ist. So geschehen Missverständnisse.
Per Olof Enquist. Typisch skandinavisch, unaufdringlich, schüchtern, bescheiden. Spricht in astreinem Deutsch über sein neues Buch Großvater und die Wölfe, sein erstes Kinderbuch, in dem seine 4 Enkelkinder die Protagonisten sind. „Ich habe mal in Berlin gelebt“ gibt er zu, nachdem er mir anfänglich weiß machen will, dass all sein Deutsch seinen Schulkenntnissen entstammt.
Karin Holbein – Supermodel aus den 70-er Jahren liest monoton aus ihrer Lebensgeschichte. Anschließend wird köstlicher Mosel Silvaner kredenzt, was das Publikum für den geleierten Vortrag entschädigt.
Maybritt Illner – Blitzgescheit, edel gestylt mit ’nem Touch zuviel Selbstbewusstsein verkündet ihre drei Parolen:
1.Misstraue immer der ersten Idee. 2.Hab keine Angst vor großen Tieren. 3. Hab immer mehr Fragen als Vorurteile. Jegliche Ansprache abwürgend, kann sie sich von Jackie Collins, Ingrid Noll und Roger Willemsen eine Scheibe abschneiden.
Marianne Koch oder Sisters in Crime? – ein sympathischer bunter Haufen netzwerkender Krimiautorinnen, bei denen ich am liebsten mitmachen würde, obwohl ich’s mit dem Morden (noch) nicht so habe. Sie konstatieren, dass Frauen anders als Männer schreiben, diskutieren ob Sex in Krimis gehört oder nicht und organisieren Krefelder Krimi-Tage, was mir sofort die Idee zu Algarve-Krimitagen gibt. …
Wladimir Kaminer: Russendisco – Eine Hangarartige Multi-Eventhalle, die Tausende von Menschen fasst. Er und DJ-Kumpel Juri werden begeistert begrüßt: „Ich lese Ihnen nicht aus meinen Büchern vor, das können Sie selbst, lieber aus neuen, unveröffentlichten Texten.“ Die Menge jubelt und er legt los, beherrscht die deutsche Sprache nach nur 13 Jahren grammatikalisch korrekter als manch Deutscher, hat die typisch hart-weiche russische Aussprache, der es schwer fällt, g und h zu unterscheiden und wird sich wohl – vermarktungsclever wie er ist – nie eine korrektere Aussprache zulegen, sondern eher dem Erfolgsmodell eines Rudi Carell und Howard Carpendale folgen.
Sabine Kornbichler – genau so zurückhaltend, bescheiden wie von mir erwartet. Ich sprudele auf sie ein und spontane gegenseitige Sympathie schlägt Wellen. Sie verspricht sich zu melden (und hat es bereits getan). Gehört zu den 2 % Neuautoren, die ihr GANZES Manuskript unverlangt an namhafte Verlage schicken und beim 7. Versuch auf dem richtigen Lektorentisch bei Droemer-Knaur landen und genommen werden.
Günter Grass – Letzte Tänze - ist als Party und Lesung in der Kaminer erprobten Flugzeughalle angesagt und zieht Hunderte von Neugierigen an, Junge, Alte, Deutsche, Ausländer. Günter lässt warten, Buchmessedirektor Neumann spricht weihevolle Worte, die Musike spielt auf. Endlich kommt das Birkenbackenmännel im blauen Douglashemd mit innerem Elan, doch er winkt nur kurz dann ist Music-Time. Die Menge wird ungehalten und skandiert „Günter, Günter, wir wollen Günter!“ Endlich liest er, wie immer virtuos, grandios, mitreißend, ein Performer der A-Klasse. Hat man ihn seine Gedichte einmal vortragen gehört, liest man sie mit Genuss, sonst eher mit Ekel und Widerwillen.
Die Furore, für die Dieter Bohlen im letzten Jahr hier sorgte, wird in diesem Jahr von gleich drei Nicht-Literaten übernommen, die alle drei das Bedürfnis hatten, sich auch in Buchform zu verewigen und von trendsicheren PR-Beratern den entsprechenden Großverlagen als todsichere Verkaufsknüller präsentiert wurden:
1.Daniel Küblböck – das Enfant Terrible der ersten Superstarhysterie erscheint mit Vater am Verlagsstand, wobei sich die Fans auf zwei Opfer, statt eins verteilen und ihr Glück in markige Sätze kleiden wie „Ich hab ihn gesehen!“ „Ich hab ihn angefasst!“„Das ist der Vater!“
2. Alexander – Sieger der ersten Superstarsuche (ich hab ihn mir nicht angetan).
3.Verona Feldbusch, die am 10.9. ihrem Sohn San Diego Franjo Feldbusch das Leben schenkte und ihre Schwangerschaft, deren Macken, Auswüchse und Übertreibungen in dem literarischen Knüller der kleine Feldbusch verewigt hat. Um die Spannung und das Kaufinteresse ins Unermessliche zu steigern, ist dieses Buch mittels eines Goldstickers hermetisch verklebt und kann also als einziges der über 70 000 Neuerscheinungen nicht durchblättert werden. Ob des lebensgefährlichen Überandrangs schaulustiger Massen hätte man diese „Verona trifft das Volk“ Veranstaltung besser in den oben beschriebenen Flugzeughangar verlegt – Wladimir Kaminer und Günter Grass hatten nämlich zusammen nur knapp so viele Fans wie Verona, und sie hatten wirklich nicht wenig Zulauf.
Einziger Trost: Effenberg war nicht am Stand!
Summasummarum:
Sollte ich je wieder im Zweifel sein, ob sich der Aufwand eines Buchmessenbesuchs lohnt: Aber ja doch, für mich immer! Er versorgt mich mit so viel Adrenalin, das fürs ganze Jahr reichen wird und muss. Ich danke allen, die mir diese intellektuellen Vitaminspritzen ermöglichen!
Bücher, auf die ich mich freue:
Annas Entscheidung Sabine Kornbichler
Rabenbrüder Ingrid Noll
Hollywood Affairs Jackie Collins
Ein unbekannter Freund Iwan Bunin
Oskar und die Dame in Rosa Eric-Emmanuel Schmitt
Karneval der Tiere Roger Willemsen
Mein deutsches Dschungelbuch Wladimir Kaminer
Das Leiden anderer betrachten Susan Sontag

