Alle Jahre wieder berichtet Barbara Fellgiebel von der Frankfurter Buchmesse, gibt persönliche Gespräche wieder und entdeckt Trends. Für alle, die entweder nicht dabei, oder an ihre Stände gefesselt waren
Montag
Bei der Zusammenstellung der für mich interessanten Messeveranstaltungen stolpere ich. Nanu? The same procedure as last year? Der älteste KZ-Überlebende Leopold Engleitner stellte doch schon vergangenes Jahr seine Biografie Ungebrochener Wille mit dazugehörigem Film vor?! Da war er 104, nun ist er 105 Jahre alt und der Vergleich zu Jopi Heesters drängt sich auf.
Oliver Polack meinte schon 2008 provozierend Ich darf das, ich bin Jude! Und dieses Jahr darf er noch immer, nur nicht im nicht mehr existenten Cafe Galore sondern im ahnenreichen Lesezelt.
Tatort – Charlotte Lindholm überführt Serientäter. Muss das sein, auf der Buchmesse?
Muss nicht, aber darf sein, sobald es sich um literarische Verfilmungen handelt ist das Filmscreening legitim. Hm.
Meine Buchmesse 2009 beginnt mit der Verleihung des dbp 09, des Deutschen Buchpreises, mit 25 000 € der höchst dotierte deutsche Literaturpreis und einzigartig in seiner Forderung: Nur wer anwesend ist, kann gewinnen, was bedeutet, dass sich alle sechs Autoren, die es auf die Shortlist geschafft haben, einzufinden haben, egal ob sie krank sind oder nicht. Das garantiert die Anwesenheit der frisch gebackenen Nobelpreisträgerin Herta Müller, die prompt mit minutenlangem, frenetischem Beifall begrüßt wird; neben Kathrin Schmidt ist sie die einzige Frau, die es auf die Shortlist geschafft hat.
Wie wichtig doch das richtige Timing ist:
Wäre die Nobelpreisträgerin am Messedonnerstag bekannt gegeben worden, wäre der Gewinn des dbp für Herta Müller zuerst gekommen, hätte man der Jury ob ihrer Treffsicherheit anerkennend auf die Schulter geklopft. So kam zuerst der mit einer Million Euro dotierte Goliathpreis und der kleine dbp hinkt mit seinen läppischen 25 000 Euro unbedeutend hinterher. Diese 25 000 und die damit verbundene Anerkennung bedeuten jedoch für jeden der anderen fünf shortgelisteten eine wohl verdiente Förderung der Schriftstellerkarriere und Tausende verkaufter Bücher.
Mit dem Friedenspreis ist es nicht anders. Warum ehrt man den mächtigsten Mann der Welt mit einem Preis, der unbekannteren Friedensaktivisten wohlverdiente Anerkennung ihrer erreichten Arbeit bedeutet hätte im Gegensatz zu hoffentlich erfüllbaren Vorschusslorbeeren.
Ich habe eine der begehrten Presseakkreditierungen und marschiere um 17.30 Uhr in den Römer, das ehrwürdige Rathaus Frankfurts, das alljährlich den festlichen Rahmen für diesen nach 5 Jahren gut eingebürgerten Buchpreis bildet.
Pünktlich um 18 Uhr beginnt Oberbürgermeisterin Petra Roth mit einer wie immer kurzen, prägnanten Begrüßungsrede. Die darauf folgenden Herren fassen sich länger. Schließlich verkündet Moderator Gerd Scrobel nach anschaulicher Trailer-Vorstellung der sechs Shortlistkandidaten die Siegerin: Nein, nicht Herta BSC , nicht Müller sondern Schmidt, Kathrin um genau zu sein für Du stirbst nicht, eine angeblich unisone (am Vorabend gefallene) Entscheidung der Jury.
Ich atme auf, und mit mir noch einige andere. Kathrin Schmidt besticht in ihrer Bescheidenheit, kann sich gar nicht spontan über den Preis freuen, sondern meint, der Nobelpreis für Herta Müller erfreue sie im Moment noch viel mehr. Das erinnert mich an Katharina Hacker, die dbp06 Gewinnerin, die in ihrer Dankesrede das Buch Älter werden von Silvia Bovenschen hoch hielt und allen ans Herz legte. Eine Art persönlicher Uneitelkeit, die man sich bei Männern schwer vorstellen kann.
Die anschließende Cocktailparty ist beschwingt und kulinarisch lecker. Welch herrlicher Auftakt zu einer anstrengenden aber unvergesslichen Woche.
Wie gut, dass Herta Müller raucht, so findet man sie an einem der Raucherstehtische im Innenhof und kommt leicht ins Gespräch mit ihr. Ja es ist wahr, dass ihr schon im vergangenen Jahr und schon einmal zuvor angedeutet worden war, sie solle sich an besagtem Donnerstag für ein Telefongespräch aus Stockholm bereithalten, deshalb hatte sie in diesem Jahr mürrisch gemeint ach, lasst mich doch in Ruhe!
Herzlichen Glückwunsch Herr Hanser! begrüße ich ihren Verleger Michael Krüger - er nimmt’s nicht krumm.
Dienstag
Um 17 Uhr ist die feierliche Eröffnung der 61. Buchmesse (Gastland China), zu der Messedirektor Jürgen Boos persönlich eingeladen hat, nur um drei Tage vor Messebeginn per email bekannt zu geben, es gäbe keine Plätze mehr, man habe leider, leider zu viele Leute geladen (will sagen, nicht mit so vielen Zusagen gerechnet). Ob das skandalliebende Publikum einen neuen kulturpolitischen Eklat erwartet wie bei der Pressekonferenz im September? Oder die Gegenwart der mächtigsten Frau der Welt so zieht?
Mittwoch
Äpfel gibt’s noch. Schwarze Leinentaschen nicht mehr. Schon im Pressezentrum macht sich eine gewisse Sparpolitik bemerkbar. Und schlimmer soll es kommen.
Auf der ARD-Bühne im Forum wird das Sonntagsgespräch zwischen Karola Siegel alias Dr. Ruth Westheimer und Esther Schapira aufgezeichnet. Die 81jährige 140 cm kurze Sextherapeutin ist ein Energiebündel der besonderen Art. Dazu die intelligente Gesprächsführung der jungen Moderatorin mit der sonoren Stimme – Eine Freude zu hören. Immer wieder fällt auf, wie wichtig die Synergie zwischen den beiden Partnern eines Gesprächs ist, da kann der eine noch so viel zu sagen haben, die Moderatorin noch so großartig vorbereitet sein – wenn’s nicht stimmt, kommt nichts rüber. So zum Beispiel bei Sven Hillenkamp, der mit seinem Buch Das Ende der Liebe so vielversprechend klang. Oder Eckart von Hirschhausen, der alles weiß, alles kann, sowieso der Größte ist. Das langweilt.
In der chinesischen Kunsthandwerkshalle werden Drachenbauer und Holzschnitzer in 30. bzw. 25. Generation vorgestellt. Es mutet exotisch an und riecht sozialistisch.
Bei 3sat stellt Ulrike Kolb ihr neues Buch vor, Matthias Politicki ist wieder einer der eitlen, den ‘diese Idee begeisterte bevor ich sie hatte’ – man kann auch Sprache vergewaltigen, meint meine Nachbarin.
Herta Müller bei 3sat. Ob sie kommt? Gestern soll sie einen Nervenzusammenbruch erlitten haben. Wirklich? Montag Abend bei der Buchpreisverleihung war sie quietschfidel und guter Dinge.
Das Gedränge ist unerträglich. Wie gut, dass ich einen Sitzplatz in der 2. Reihe habe. Herta kommt, hat riesige dunkle traurige Augen, sieht übernächtigt aus, aber von Nervenzusammenbuch keine Spur. Ich hatte nur etwas gegessen, was mir nicht bekommen ist. Das passiert mir manchmal. Räumt sie alle dummen Spekulationen aus dem Weg, ehe sie Mitschreibesätze von sich gibt wie: “Heimat ist das, was gesprochen wird. Oder. Das Leben hat immer einen Rückspiegel.Und in dem Rückspiegel sind die Eltern. Ob man das will oder nicht. Das Rumänische schreibt immer mit bei mir. Missionarisch macht dumm.” Nein, sie ist weder das eine noch das andere. Blitzgescheit und eine Nobelpreisträgerin, die ihrem Status noch alle Ehre machen wird.
Übrigens lassen sich dank zunehmender Technisierung und Digitalisierung die meisten Standgespräche im Internet betrachten.
Daniel Hope - in Südafrika geborener begnadeter Geiger, stellt sein neues Buch vor Wann darf ich klatschen? Er schreibt auf und spricht fließend Deutsch, ist unprätentiös und betreibt im Rahmen des Programms Rhapsody in school mit seiner von Yehudi Menuhin erworbenen Geige Baujahr 1769 Musikbegeisterung in Schulen. Ein junger Daniel Barenboim?
Ursula Priess, Tochter von Max Frisch stürzt durch alle Spiegel, vermittelt welch Probleme es nach wie vor in dieser legendären Schriftstellerfamilie gibt, wirkt geplagt und nicht mit sich im Reinen.
Ganz im Gegensatz dazu Gabriele Krone-Schmalz, unverkennbar mit spitzbübisch funkelnden Augen unterm inzwischen fast weißen Markenzeichen Teufelshaarschnitt. Sie ist 60 und angekommen, spricht über ihre Neuerscheinung Privatsache - ein ‘Kürbuch, das sie sich nach allen Pflichtbüchern geleistet hat’. Sie lässt Nähe zu und bewahrt Distanz, erzählt Privates ohne Intimes auszuplaudern, gibt Einblick in die stabilisierende Familie, wo der Vater Konzertmeister war, der Schubladen übersprungen hat und sie ein Zuhause hatte und keine Versorgungsanstalt.
“Aktuell ist nicht das, was heute passiert, sondern was heute wichtig ist”, nimmt sie die heutige schlecht recherchierte Nachrichten-um-jeden-Preis-Übermittlung aufs Korn, deren Effekt die “folgenlose Informiertheit” ist. Eine kluge Frau, mit der man gern länger sprechen möchte.
Ulrich Raulff sollte ich mir unbedingt anhören, er hat Kreis ohne Meister, ein kluges Buch über Stefan George geschrieben – doch vor lauter Krach und fehlender Synergie (siehe oben) ziehe ich lieber weiter zum ZEIT-Stand, wo Ulla Hahn den Anfang einer Reihe Frauen bildet, die ich heute hören möchte.
Ulla Hahn gehört auch zu den Menschen, die mit zunehmendem Alter auffallend in sich ruhen, Überlegenheit ohne Arroganz ausstrahlen, angenehm zugänglich sind und dabei differenziert und natürlich ohne peinlich plump vertraulich zu werden. Sie liest publikumswirksame Stellen aus dem neuen Buch Aufbruch, was die unglückliche Figur des so klug schreibenden aber unbeholfen moderierenden Jens Jessen wohltuend übertönt. Mal wieder ein Beweis für nötige Medienprofilierung, will sagen, eines der vielen Beispiele dafür, dass nicht jeder Medienarbeiter ein Allroundkünstler ist.
Petra Gerster wird als Nächstes von Philipp Schwenke interviewt. Sie gehört zu den Menschen, die im Fernsehen ganz anders aussehen als in Wirklichkeit, ist ebenso eloquent, selbstsicher und natürlich wie man sie ebenda immer hört und macht Lust auf das mit Freundin Andrea Stoll unter dem Titel Ihrer Zeit voraus herausgegebene Buch über wichtige Frauen in 3 000 Jahren.
Lisa Ortgies (Heimspiel) im Gespräch mit Iris Radisch (Familienflucht). Das hektische Gespräch der beiden engagierten Medienfrauen und Mütter strahlt zu viel Konsens aus und wird dadurch unnötig langweilig. Schade.
Jetzt brauchen die Ohren ein wenig Pause, der Körper Bewegung. Auf der Agora geben chinesische Künstler einen Einblick in die Chinesische Oper – welch willkommene Abwechslung.
Donnerstag
305 Besucher weniger waren es am gestrigen Messemittwoch im Vergleich zum Vorjahr. So what? Das kann doch nicht der Grund für die verhaltene Stimmung sein, die über dieser ganzen Messe wabert? Oder sind meine Erwartungen nach 11 Jahren Frankfurter Buchmesse zu hoch?
Im Forum werden – wie jedes Jahr – literarische Verfilmungen gezeigt. So gönne ich mir eine halbe Stunde Effi Briest mit der wunderbaren Julia Jentsch und dem so erotischen Sebastian Koch. Wie schade, dass ich mittendrin zu anderen Terminen muss.
Terézia Mora - eine weitere Autorin, der ich immer wieder gern zuhöre weil sie so menschlich, klug und uneitel ist. Ihr neues Buch heißt Der einzige Mann auf dem Kontinent.
Jan Josef Liefers macht bela figura, egal, wer ihn interviewt, egal wer die unvermeidlichen peinlichen Ossifragen stellt “Wissen Sie, dass es viele Kollegen gibt, die gar nicht wissen, dass Sie Ossi sind?” Soll das ein Kompliment sein? Nur weil Herr Liefers akzentfrei hochdeutsch spricht und überhaupt gebildeter ist als sein Wessi-Gegenüber? Soundtrack meiner Kindheit heißt sein Buch.
Dieter Moor interviewt Matthias Politicki, Ich erspar’s mir, gehe lieber zu Baldur v. Schirachs Enkel Ferdinand. Der 1964 geborene Strafverteidiger hat mit seinem lakonischen Buch Verbrechen viel Aufsehen erregt. “Der Anzug ist blöd aber der Mann ist gut!” meint meine Nachbarin und ich stimme ihr zu. Wieder ein Mann der durch Understatement und Bescheidenheit Größe beweist. Mehr davon, bitte!
Ulla Hahn? Nein danke, die habe ich schon an anderer Stelle gehört – will ich mich gerade abwenden, als ich erstaunt feststelle, dass ein anderer Moderator ganz andere Fragen stellt, ein ganz anderes, viel weniger effekthaschendes, viel tiefer gehendes Gespräch aus der Autorin lockt, in der sie sogar auf das schwierige Thema ihrer im Aufbruch thematisierten Vergewaltigung eingeht.
Am portugiesischen Verlagsstand gerate ich in eine Präsentation des Dachverbands und präsentiere lit.algarve – das vom 16.-19.September 2010 stattfindende 1. internationale Literaturfestival an der Algarve auf Portugiesisch. Die spontanen Reaktionen von Agenten und Verlagsrepräsentanten sind überwältigend und lassen auf rege Beteiligung hoffen.
Bei der abendlichen Frankfurter Hof Verlagspartyanhäufung sieht es in diesem Jahr spärlich aus: Weder Hanser noch Diogenes noch Hoffman & Campe sind zu finden. Statt dessen Schanghai 99 – eine illustre Party chinesischer Büchermenschen, bei der sich interessante Kontakte knüpfen lassen.
Gestärkt durch köstliche Häppchen ziehen wir weiter in Richtung Steinernes Haus, wo weitere Verlagsparties stattfinden, jedoch nicht ohne bei Literatur im Römer reinzuschauen – und hängen zu bleiben, denn acht AutorInnen versprechen interessante Lesungen:
Peter Stamm liest aus Sieben Jahre - eine Dreiecksgeschichte, die sich besser liest als die Autorenkostprobe erwarten lässt.(Kein ALFA-Effekt).
Jo Lendle, der eigentlich Lektor ist, hat sich mit Mein letzter Versuch, die Welt zu retten unter die Romanautoren begeben. Der hat so was Verschmunzeltes, meint meine Nachbarin und wirklich, mit Sätzen wie ’1984 war das Jahr, als das Klopapier begann “Danke!” zu sagen’ erliest er sich viele Lacher.
Eva Menasse liest aus Lässliche Totsünden, ihrem neuesten Buch, dessen Titel Günter Grass vorgeschlagen hat.
Julia Blesken stellt ihren Erstling Ich bin ein Rudel Wölfe vor. Eindringlich.
Peter Richter hat die Erfahrungen seines einjährigen Madridstudiums in Gran Via manifestiert. Er liest mit unerwartet viel Schalk im Nacken
Wolf Haas das Highlight unter den lesenden Autoren: dieser verspielte, immer gut aufgelegte große Junge stürzt sich so in seine Lesung, dass einem der Atem stockt und man dieses Buch gar nicht lesen, sondern ihm noch stundenlang beim Vordeklamieren zuhören will. Brenner und der liebe Gott heißt das aktuelle Buch.
Danach Barbara Bongartz, die damenhafte, die einem Gemälde entsprungen scheint, hat unter dem Titel Perlensamt ein interessantes Buch zum Thema Kunstraub geschrieben. Macht Lust auf mehr!
Zuletzt der Physiker Ralf Bönt und die Entdeckung des Lichts. Ein zu kluger Autor mit glänzendem Stil und genialer Ausdrucksweise, der leicht über das Auffassungsvermögen seiner Leser hinwegliest. Insbesondere nach drei Stunden intensiven Zuhörens.
Freitag
Der Tag der kurzen, intensiven Begegnungen. Gestern 2 500 Besucher weniger. Na und? Das scheint der Qualität der Messe eher keinen Abbruch zu tun.
Wolfgang Tischer, Mr. www.literaturcafe.de hat fleißig Interviews geführt, die man auf eben dieser Webseite hören kann.
Roger Willemsen - strahlend wie auf jeder Buchmesse, sitzt am mare-Stand wo er ein höchst ungewöhnliches, will sagen typisches Willemsenbuch herausgegeben hat: Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow, übersetzt von Georg Deggerich illustriert von Papan dem Herrlichen.
Bereitwillig schwärmt er schon vom nächsten: Ein Buch über die Enden der Welt. Na, da muss er doch einfach an die Algarve kommen und das Kap São Vicente mit aufnehmen. Er zögert. Als ich ihm verspreche, er könne dort die letzte Bratwurst vor Amerika zu sich nehmen, erhellt sich seine Miene.
Das könne er sich nicht entgehen lassen. Muito bemvindo Roger Willemsen!
Ruth Westheimer sitzt bei ihrem Verlag und ich beglückwünsche sie zu ihrem gelungenen Gespräch mit Esther Schapira am Mittwoch. Sie freut sich. “Morgen bin ich im NDR, da müsse Se mir zuwinke!”sagt sie in herrlichstem Hessisch.
Kathrin Schmidt die für Du stirbst nicht den Deutschen Buchpreis 09 bekommen hat, wird an der Seite ihres wundervollen Verlegers Helge Malchow interviewt, der sich als Verleger der alten Schule entpuppt. Das Buch schildert, wie eine Autorin einen Hirnschlag erleidet, ins Koma fällt und ihre Sprache verliert. Es schildert auch ihre Beziehung zu der transsexuellen Viola und die Tatsache, dass sie vor der Erkrankung im Begriff war, ihren Mann zu verlassen. Ertaunlicherweise wird sie immer nur an der so eindringlich beschriebenen Krankheit festgemacht und meint, die ersten 30 Seiten seien autobiografisch, der Rest nicht. Das erspart ihr zwar peinliche Fragen in bezug auf die erotische Beziehung, jedoch nicht die Frage, ob sie ihre Familie um Erlaubnis gefragt habe, dieses Buch zu schreiben. Meine Nachbarin fragt entrüstet, welcher Mann denn seine Familie je um Erlaubnis gefragt habe, ein Buch schreiben zu dürfen…
Frau Schmidt erzählt wie Helge Malchow drei Monate nach ihrer Erkrankung, als sie sich gerade auf die Frühberentung eingestellt hatte, zu ihr sagte: Kathrin, das nächste Buch machen wir auch zusammen!” und sie damit zurück ins Leben holte, wofür sie ihm an dieser Stelle mal gerade ihren ewigen Dank aussprechen möchte. Es gibt auch weniger anrührende Autorengespräche.
Dies ist die Messe der Sparmaßnahmen: So ist der SPIEGEL-Stand, der immer eine halbe Kopfseite der Halle 3.0 einnahm, auf einen kleinen unbedeutenden Seitenstand geschrumpft an dem zwei angeheuerte Messehostessen verzweifelt versuchen, Abos an die Passanten zu bringen, statt des bisher hochkarätigen Spiegelpersonals das interessante Autorengespräche moderierte oder kenntnisreich und stolz die wachsende Spiegel-Bücherreihe zu präsentieren.
Und wo ist Harald Martenstein, der im vergangenen Jahr jeden Morgen so pointiert und witzig am ZEIT-Stand einleitete?
ab 40 – die großartige Greta Tüllmann ist wieder da mit ihren eigenwilligen Frauenmagazinen, die so sehr viel mehr Aufmerksamkeit und Bekanntheit verdienen.
Bei der ARD ist Monika Maron und spricht über Bitterfeld und ihr dort spielendes Buch. Ich schlängele mich zu Denis Scheck durch und frage ihn nach seinem bisherigen Messehighlight.
“Die Messe ist doch noch gar nicht zu Ende!” meint er um Zeit ringend, erwähnt dann Kindlers 24-bändiges Literaturlexikon um schließlich zuzugeben: Mein Highlight steht neben mir! Und prompt erwähnt er wenig später bei seinem Druckfrisch-Auftritt erstmalig seine Freundin. Gratuliere Herr Scheck!
Eloquent und kenntnisreich erzählt uns Mr. Literatur, dass Oliver Kahn garantiert seine Autobiografie selbst geschrieben hat, denn Sätze wie “Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.” die produziert kein Ghostwriter.
94 000 Neuerscheinungen hat diese Buchmesse zu bieten, “da gibt es kaum einen Bären, den man den deutschen Lesern nicht zwischen zwei Buchdeckeln aufbürden kann” und schon verreißt er Dan Brown und seine noetische Wissenschaft nach Herzens Lust, attestiert Harry Rowohlt titanische Sprachgewalt und lobt Max Goldt als literarischen Wellnessverbreiter.
Und schon taucht der eingebildetste aller Fatzken auf - Frank Schätzing, d.h. höchste Zeit für uns, Reißaus zu nehmen. Tun wir aber nicht und – siehe da, der ALFA-Effekt entsteht: Denis Scheck läuft zu Hochform auf, fragt so geschickt, dass Schätzing durch zunehmende Natürlichkeit punktet. Ein gelungenes Gespräch bei dem Moderator und Interviewpartner einander ideal ergänzen. Meine kritische Nachbarin dankt mir ungläubig.
Silvia Bovenschen - meine ehemalige Schulkameradin gehört zu der begnadeten Gruppe von Autoren, die, egal was sie schreiben, garantiert publiziert und von Kritikern beurteilt werden und, egal ob positiv oder negativ, dies ihrer Schreibkarriere keinen Abbruch tut. Günter Grass, Roger Willemsen und Irene Dische sind weitere Spezies dieser beneidenswerten Gruppe.
Die vor fast 40 Jahren an MS erkrankte blitzgescheite Literaturwissenschaftlerin scheint gesundheitlich in erstaunlich guter Verfassung und “wird immer kesser” wie sie selbst meint. “Wir sind eher eine Panne der Evolution als die Krönung der Schöpfung” meint sie überzeugend und liest den Anfang ihres jüngsten Buches Wer weiß was. Sie schreibt bereits am nächsten, doch was es wird, weiß sie noch nicht und sitzt erschöpft wieder in ihrem Rollstuhl. Der Schein der besseren Gesundheit trog. Wie schade. Wie schön aber, dass es noch Autoren gibt, die nicht nur in eine Schublade gehören!
Schnell zu Günter Grass ins Kino 1 Dort tanzt der 82-jährige wichtigste lebende Literat deutscher Sprache leichtfüßig umher, deklamiert in seiner unnachahmlichen Art Texte aus der Blechtrommel und wird begleitet von Günter “Baby”Sommer, einem weißbärtigen Drummer und Percussionist, dessen beeindruckende Instrumente dem Gastland China alle Ehre machen. Ute Grass sitzt – wie immer – in der ersten Reihe und lauscht mit unbewegtem Gesicht. Wie clever, das 50. Jubiläum eines nobelpreisgekürten Klassikers so spektakulär zu würdigen. Gut gemacht, Steidl Verlag.
Im ersten Stock des Forums ist traditionsgemäß eine mal mehr mal weniger pompöse Darstellung des jeweiligen Gastlandes. Diesmal also China: So wenig Buch habe ich in dieser Riesenhalle noch nie gesehen. Eher fühle ich mich in ein Happening im Moma oder ähnlichem versetzt mit diversen spektakulären Installationen.
Wem an dieser Stelle Schilderungen wilder Verlagspartys fehlen, der hat Pech gehabt. Auch meine Kondition hat ihre Grenzen. Leider. Und wenn die Gästelisten gekürzt werden, dann gibt es jede Menge viel wichtigerer Adebeis als mich.
Samstag
Gestern waren es 2 800 Besucher weniger. Wie angenehm für die 76 000 die sich dennoch an keiner Stelle einsam fühlten.
Heute, am ersten der zwei publikumsoffenen Tage, wimmelt es kunterbunt von Jugendlichen in fantasievollsten Manga- und Comickostümen. Wie schade, dass ich auf diesem Gebiet so unbewandert bin, sonst wüßte ich die bestimmt überwiegend erstaunlich detailgetreue Nachbildung der Kostüme noch mehr zu würdigen.
Leider stellt sich eine gewisse Messemüdigkeit bei mir ein, die ich mit dem Kontakt zu interessanten Menschen zu überwinden suche.
Håkan Nesser, nach Henning Mankell der in Deutschland beliebteste schwedische Krimiautor (obwohl Stieg Larsson plötzlich beiden den Rang streitig zu machen scheint), ist genauso amüsant wie ich ihn aus schwedischen Radioprogrammen kenne. “Ihr Deutschen seid von der schwedischen Krimiwelle erfasst, weil ihr alle Astrid Lindgren als Kinder gelesen habt, und wenn ihr ein Buch seht, auf dem ein rotes Holzhaus mit weißen Kanten zu sehen ist, dann klingelt bei euch der Reflex Schwedenkrimi!” Ich frage, ob er Lust hat zu lit.algarve nach Portugal zu kommen. “Portugal? Gärna, där har jag aldrig varit!” Gerne, da war er noch nie! Das lässt sich hoffentlich ändern lieber Håkan Nesser!
Peter Maffay posiert vor seinem Verlag. Nicht ganz meine Wellenlänge. Sorry.
Gesine Schwan am Politikerstand in ein interessantes bildungspolitisches Gespräch verwickelt.Genau so sympathisch und intelligent wie sie im TV wirkt.
Es wird zunehmend wärmer und voller. Ich ziehe mich ins Pressezentrum zurück, atme Ruhe und beginne, meine Messeimpressionen zu Papier zu bringen, bzw. in die virtuellen Tasten zu hauen.
E-books? Ja, sie nehmen jedes Jahr mehr Platz ein, doch, ich halte es mit Robert Gernhardt der vor ca. 10 Jahren meinte:
Ums Buch ist mir nicht bange,
das Buch gibt es noch lange.
Sonntag
Während Claudio Magris (kennen Sie nicht? Na sowas) den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Paulskirche erhält, das fantasievollste Fantasykostüm gekürt wird, auf dem 3sat-Sofa junge Poetryslam Dichter ihr Bestes von sich geben und sich 62 000 Menschen durch die Hallen drängeln sitze ich schon wieder im sonnigen Portugal und lasse diese Buchmesse der leisen Töne an mir vorüberziehen.
Ausblick auf 2011:
Hoffentlich wird die Krise weniger spürbar, hoffentlich kehrt die pulsierende prickelnde Freude am Buch und allem was dazugehört zurück und darf sich 2011 wieder ungebremster und übermütiger geben.
Das angekündigte Gastland Argentinien gab sich zwar bei der dazugehörigen Pressekonferenz freundlich, offen und handzahm, ist aber bekannt dafür, über die Stränge schlagen zu können.
Zumal sie dann eine Woche früher stattfindet (6.-10.10.) und die Nobelpreisverleihung also um 13.00h des Buchmessedonnerstags den ungläubigen Jubelschrei der berührten Verlage durch die Hallen erschallen lässt. Mal sehen ob es diesmal ein Amerikaner wird, wie in Nobelkreisen gemunkelt wurde….
Philipp Roth, wie oft wurde Ihnen schon gesagt, sich bereitzuhalten?
Ich freue mich auf die Lektüre von:
Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht
Herta Müller: herzbilder (mehr als Atemschaukel)
Ferdinand v. Schirach: Verbrechen
Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit
Petra Gerster/Andrea Stoll: Ihrer Zeit voraus
Barbara Bongartz: Perlensamt
Elke Heidenreich/Bernd Schröder: Alte Liebe
Daniel Hope: Wann darf ich klatschen?
Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent
Roger Willemsen: Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow
Martha Gellhorn: Ausgewählte Briefe
Henning Mankell: Daisy Sisters
Coco Chanel: Die Kunst, Chanel zu sein
und die Hörbücher:
Michael Krüger/Christiane Colorio: Lyrikstimmen
Elke Heidenreich/Konrad Beikircher: Der Ohrenzeuge
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Barbara Fellgiebel lebt in Portugal an der Algarve, wo sie jeden Monat Europas südwestlichsten deutschsprachigen Literatursalon veranstaltet. www.alfacultura.com
Für 2010 plant sie lit.algarve – das erste internationale Literaturfestival an der Algarve.
Näheres unter alfacult@gmail.com

