Verweile Dochs

von Barbara Fellgiebel

Spätestens seit ich die 50 erreicht habe, ist mir die Vergänglichkeit der Zeit täglich bewusst. Deshalb habe ich begonnen, Veweile-doch-du-bist-so-schön Augenblicke zu sammeln. Am liebsten jeden Tag mindestens einen. Dann ist der Tag gelungen.

Was das ist, so ein Augenblick? Nun, wat dem een sin Uhl is bekanntlich dem annan sin Nachtigall, will sagen, was für mich ein solcher Augenblick ist, ist für Sie vielleicht die Spitze der Langeweile. Aber selbst wenn, es macht Sie neugierig, lässt Sie bewusster leben, Ihre Umwelt mit wacheren Sinnen sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken und (be)greifen.

Verweile-dochs werden durch verschiedene Sinne ausgelöst. Da ist zunächst das Hören von geliebter Musik, Musik, die die verschiedensten Assoziationen beinhaltet und somit unterschiedlichste, oft nostalgische Gefühle auslöst. Probieren Sie mal den 2. Satz von Beethovens 7. Symphonie aus. Oder Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2. Also sprach Zarathustra ist auch gut geeignet für minder Klassik gewohnte Ohren. Oder Gary Jules’ Mad world – eine Offenbarung der besonderen Art. Sounds of silence mit Simon & Garfunkel – ein Verweile-doch der ganz persönlichen Art.

Auf Reisen wird man mit den überraschendsten Verweile-dochs verwöhnt:

Da ist der fulminante Spontanauftritt einer spanischen Studentenmusikgruppe inmitten der Fußgängerzone von Lissabon. Oder der Blick auf Lissabon, wenn man das Glück hat, sich nicht selbst über die stark frequentierte alte Brücke fahren zu müssen.

Mit der ältesten Freundin, die man jahrelang nicht gesehen hat, inmitten des finnischen Markts auf dem Rathausplatz in Hamburg Feuerlachs oder mit noch länger nicht gesehenen Freunden in deren üppig blühendem Garten Spargel satt  essen und genauso vertraut, ungezwungen und fröhlich einander verstehen wie eh und je.

Radtouren, mit leichtem Rückenwind, bei ca. 18-20° und sanft abfallender Straße durch saftige norddeutsche Vorsommerlandschaft bieten Verweile-doch-Minuten – fast Stunden puren Glücks.

Anflug über Lissabon. Die Stadt ist, genau wie der Mond, in orangegelb gleißendes Licht getaucht und funkelt mit ihm um die Wette. Mir stockt der Atem vor Verzauberung und ich denke: Lieber Gott, vielen Dank, dass ich hier jetzt in diesem Flugzeug sitzen und das erleben darf. Verweile doch – du bist ein unvergesslich schöner Anblick.

Algarvemorgenhimmel Ende Oktober: Dramatisch gebündelte Schäfchenwolken werden von der soeben aufgehenden Sonne von unten angestrahlt. Jede einzelne sieht aus wie ein Stück rosa Zuckerwatte.

Anflug auf Stockholm: Atemberaubend die Tausende kleiner Inseln, die die berühmten Schären, Stockholms skärgård ausmachen. Als habe jemand einen Rieseneimer braun-grüner Farbe ins Meer gekippt und jede Menge kleiner und großer Farbtupfen verspritzt.

Ein Sommertag in (m)einem schwedischen Garten. Der Wind rauscht sanft durch die vielen Birken. Zwei Eichhörnchen spielen Fangen auf den langen Föhrenstämmen, jagen einander in schwindelnde Höhen. Bienen und Hummeln summen um die Wette, können sich nicht entscheiden, was mehr lockt, die dichte Waldhimbeer-Brombeerhecke rund ums Grundstück oder mein Schälchen gepflückter Beeren vor mir auf dem Tisch.

Mit einem Verweile-doch-du-bist-so-schön Augenblick ist es wie mit einem Traum:

Bringt man ihn nicht unmittelbar zu Papier, verfliegt er in der Unendlichkeit des Vergessens.

Heute ist Sonntag, der 10. April 2005. Keine Wolke am knallblauen Himmel, die Sonne strahlt ohne übermäßig zu stechen. Ich sitze mit einem eiskalten Glas frisch gezapftem Vinho Verde auf der Terrasse, beiße in eine knackige rote Paprika, vor mir ein gutes Buch, in das ich mich vertiefen werde, sobald ich diesen Augenblick fertig geschildert habe.

Wenn ich aufblicke, schaue ich auf das beruhigende Idyll der Fontäne im Golfteich, um den sich das satte Grün der perfekt gepflegten Golfanlage ausbreitet. Unermüdliche Golfer ziehen ihre Golftaschen am See entlang. Bisweilen halten sie inne.

Vielleicht überlegen sie sich den nächsten Schlag.

Vielleicht schauen sie in meine Richtung und bewundern unser herrliches Haus mit einem neidvollen Da-müsste-man-wohnen-Seufzer.

Die Luft vibriert von der Kakophonie der unzähligen Vogelstimmen. Unsere sechs Lovebirds führen den Kanon an, in den Amseln, Spatzen, Wiedehopfe, Ammern, Meisen, ein Kuckuck und viele mir unbekannte Vögel einstimmen. Dazu bewegt der leichte bis böige Wind die vielen Glockenspiele hinter mir. Ab und zu stört in der Ferne Motorenlärm die Idylle, als Beweis, dass ich noch nicht im Paradies bin.

Aber kurz davor.

Auf dem Parkplatz bei Continente in Portimao sitze ich wie festgewachsen im Auto und lausche ungläubig verzückt dem Quartett aus Rigoletto mit Joan Sutherland und Pavarotti, schaue dabei in den strahlend blauen, von keinem Wölkchen getrübten langweilig schönen Himmel und fühle, wie Glück weh tun kann. Der Tag ist beseelt.
8 11 2006
Fünf Glücksmomente täglich soll man sich abends notieren! Ich bin schon froh, wenn ich einen pro Tag erlebe!

Hier war vor 10 Jahren dieser wundervolle Italiener, bei dem einfach alles köstlich war – und heute… ist er ganz unverändert genauso da! Das ist ein seltener Glücksmoment in unserer immer schneller sich verändernden Umwelt.

Ich schufte im Garten, entwuchere, und nur ich nehme den Unterschied wahr, mit dem Resultat übler Rückenschmerzen, körperlicher Müdigkeit, wie ich sie sonst nur beim Skilaufen verspürt habe und vielen kleinen Glücksmomenten, wenn überwucherte Pflänzchen zum Vorschein kommen und „Danke!“ zu sagen scheinen.

„Wie schön, dass es dich in meinem Leben gibt!“
ist viel aussagestärker als „ich liebe dich!“

Die Oxford-fiddlers treten im Restaurant Mariners in Portimao auf. Ihre ekstatisch an Geschwindigkeit zulegende Interprätation verschiedenster englischsprachiger Folksongs
reißt das eher behäbige Publikum mit und lässt die schmuddelig-trostlose Umgebung vergessen. Macht der Musik!

Mariza tritt in der nagelneuen Mehrzweck-Sporthalle Portimaos auf. Trotz kontraindiziertem Ambiente vesetzt ihre begnadete Fadostimme das Publikum in überirdische Sphären – sofern es willig ist, sich darauf einzulassen.

Ein  über und über mit Pfifferlingstupfen übersäter Waldboden.

Der später folgende Genuss der zubereiteten Schlemmermahlzeit: Pfifferlinge mit geräuchertem Saibling

Eine Chorfreundin schaut in Monchique aus dem Fenster. Der Ausblick inspiriert sie zu einem Gedicht, das sie mir sobald es fertig ist, per Telefon vorliest, während ich im Garten stehe und anderes sehe doch das Selbe schätze und würdige: Mutter Natur.

Mein Sohn liest einen formvollendeten, stilistisch bestechenden Brief vor, den er an eine Lehrerin geschrieben hat.

Portimao erstrahlt im Jakarandarausch: intensiv helllila Blütenkronen leuchten betörend entlang autobahnähnlicher Schnellstraßen, auf Plätzen und in kleineren Straßen. Diese Farbe duftet nach Erotik pur – eine Spur intensiver als das typische Algarveblau der alten weißgetünchten Häuser mit algarveblauen Fensterumrandungen. Ein Genuss, der die Sinne verzaubert.

Schmerzhaft blauer Algarvehimmel über smaragdgrünem bis marineblauem unbewegtem Meer, das ausnahmsweise einem Binnensee gleicht, an weißem, feinkörnigem Meia-Praia-Strand. Wo gibt es schönere Strände als in Portugal?

ein Meer winziger rosa Sterne ergießt sich über trockene Wildwiesen. die anspruchslosen Schönheiten  leuchten in die Herzen ihrer staunenden Beobachter.

Modenschau ausgefallener Kleidung im idealen Wildgarten der Casa Amiro. Models, die keine sind und mit strahlendem Lächeln exquisite Kleidung vorführen, die ihren beachtlichen Rundungen schmeichelt.

Der Vollmond erhebt sich gegen 22.30 Uhr wie ein orangeroter Luftballon am Horizont.

Dazu die Klänge der Mondscheinsonate und mein Herz schwappt über.

Je höher der Mond steigt, desto kleiner und blasser wird er, bis er um 4.00 Uhr bläulich weißes Licht in mein Schlafzimmer sendet und mich weckt.

So schön kann Schlaflosigkeit sein:
Um 5.00 Uhr mit einer Tasse frisch gebrautem, duftendem Kaffee in der Hand die aufwachende Natur beobachten, dazu Karajans Adagio begleitet von eindringlichem Vogelgezwitscher. Da geht mir das Herz über und ich möchte die ganze Welt umarmen.
Der Tag beginnt glücklich.
3. Februar 2007 , Samstag und ich möchte sterben beim Aufwachen. nach ein paar Stunden abwechselnden Lesens und wieder Einnickens geht’s mir besser. Ich stehe auf und bestaune bei 20 Grad im Schatten den frühlingshaft sprießenden Garten. Frühling im Februar – welch Gottesgeschenk

„Mama, Telefon!“ Mein Sohn gibt mir den Hörer. Es ist Brigitte, eine Chorschwester:
„Barbara?!“
„Jaa“
„Hast du 5 Minuten Zeit?“
„Jaa,“ Ich zupfe Unkraut und gieße und streichele ein Veilchen mit meinem Blick.
„Ich möchte dir was vorlesen.“
Und schon liest sie mir in ihrem unverkennbaren Singsang ein Gedicht vor, das mit den Zeilen beginnt: Danke Mutter Natur. Es erschüttert und rührt mich tief im Innersten.
„Gefällt’s dir? Das schenk ich dir. Ich saß hier so und schaute nach draußen und da fiel mir das für dich ein!“
Ich glaube nicht, ihr meine begeisterte Rührung, gerührte Freude, das warme, die Welt umarmende Gefühl vermittelt zu haben. Aber ich empfinde diesen Tag als ganz großes Geschenk.

Danke Brigitte.

Danke Mutter Natur.

24.11.07
Einen Monat vor Heiligabend. Der von satt grünem Golfrasen umgebene Golfteich glitzert im Sonnenlicht, eine dramatisch geformte Wolkenformation zieht am knallblauen Himmel vorbei. Die frisch beregneten Pflanzen dampfen im Morgentau, der Wind wiegt Büsche und Bäume umher und lässt die Springbrunnenfontäne weite Wasserkaskaden speien. Die Enten lassen sich berieseln. Kein Mensch weit und breit. Welch beglückende Aussicht aus meinem Arbeitszimmer.

25 11 07
weil ich die sonntägliche mona lisa sendung sehen will, stolpere ich nichtsahnend ins anna netrrebko portrait und sehe und HÖRE 60 min. meine absolute lieblingssängerin, die mich mit ihren arien zu tränen rührt. hemmungslos schluchze ich vor mich hin und empfinden diesen atemberaubenden opernweltschmerz.

31-12-07
Punkt null Uhr geht das spektakulärste Feuerwerk meines Lebens genau unter mir am Praia Grande von Ferragudo simultan mit Praia da Rocha auf der gegenüberliegenden Flussseite los. So stehe ich 16 Minuten lang mitten unter-im Feuerwerk, das ich gegenüber mit Perspektive aus der Entfernung sehe. Wie ein Spiegel, wie ein hier und jetzt und dort und dann.

04-01-08

Fado vadio:In der Esquina de Alfama, einem winzigen gekachelten Restaurant singen verschiedene Fadosänger und –sängerinnen von Mittwoch bis Sonntag (ab 21 h) Jeder Besuch ist anders, weil man nie weiss, wer auftaucht. Ivone Dias ist ein Highlight – sie singt direkt aus dem Herzen mit einer Leidenschaft die Leiden schafft. Sarah Correia, jugendliche Fadopreisträgerin hat eine Amalia-Karriere vor sich.

06-02-08

Blick vom Panoramafenster der Personalkantine auf das neue Art-Deco-Foyer-Restaurant im Covent Garden Opera House in London. Einen Bruchteil einer Sekunde glaubt man, in Central Station in New York zu stehen. Beides ist architektonisch ähnlich. Ähnlich überwältigend.

Blick auf die Londonsilhouette von der Terrasse dieser Personalkantine: Riesenrad, Trafalgar Square, St. Pauls Cathedrale, alles ist da und unten in greifbarer Nähe das zum Glück erhaltene und wundervollst restaurierte Markthallengebäude des ehemaligen Gemüsemarkts Covent Garden.

Besuch im Theaterpub um die Ecke: Stilvoll, busy, herrlich. Hier könnte ich stundenlang stehen und nur Britishness einatmen.

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